Das System bleibt ungerecht

Die Pflegeversicherung übernimmt nur einen Teil der Kosten. Das belastet
viele Familien. Gespräch mit Pia Zimmermann

Seit dem 1. Januar gilt die Umstellung von drei Pflegestufen auf fünf Pflegegrade. Der Gesundheitsminister Hermann Gröhe, CDU, verbindet damit eine Verbesserung für die meisten Pflegebedürftigen. Wie bewerten Sie die Änderungen?

Es gibt eine Verbesserung für die dementiell Erkrankten. Dass die aber erst jetzt, im Jahr 2017, erfolgt, ist unglaublich. Sie wäre schon lange vorher nötig gewesen. Und vollständig entlastet wer- den sie immer noch nicht. Denn zwar erhalten sie nun die Leistungen der Pflegeversicherung, doch die ist eine Teilkaskoversicherung. Gerade bei dementiell Erkrankten wird irgendwann eine 24-Stunden-Betreuung notwendig, die entsprechend kostet. Zwar werden die Leistungen hier, wenn man in die oberen Pflegegraden eingeteilt wird, gestärkt. Die Mittel werden aber jenen weggenommen, die in die unteren Grade eingestuft wurden (siehe auch »Bessere Pflege, doch nicht für alle«, jW). Durch die Änderungen ist in vielen Bereichen der Pflege ein bisschen passiert, von einem wirklichen Paradigmenwechsel kann man jedoch nicht sprechen. Die Pflege bleibt ungerecht: Wer viel Geld hat, kann sich viel Pflege leisten. Die anderen können es nicht.

Können Sie das genauer ausführen? 

Bei einer stationären Versorgung müssen weit über 50 Prozent der Kosten von der zu pflegenden Person oder den Angehörigen aufgebracht werden. Ein Beispiel: Eine alleinstehende ältere Frau mit Pflegegrad zwei möchte in ein Heim. Allein für den Platz wird sie 2.000 Euro monatlich zahlen müssen, dazu kommen Investitionskosten von ungefähr 400 Euro. Von diesen Kosten übernimmt die Pflegeversicherung aber nur 770 Euro. Den Rest muss sie selbst zahlen. Wie aber soll das gehen? Bevor hier die Sozialhilfe einspringt, wird sie ihr gesamtes Vermögen aufbrauchen müssen – auch das der Angehörigen.

Ist es so zu erklären, dass etwa die Hälfte aller Pflegebedürftigen ausschließlich von Angehörigen versorgt wird? 

Die Familien werden sich unter solchen Bedingungen sehr genau überlegen, ob eine stationäre Versorgung in Frage kommt. Eine Wahlfreiheit darüber, wie man gepflegt werden will, kann es da gar nicht mehr geben. Häufig pflegen die Angehörigen selbst, weil sie sich nichts anderes leisten können. In den allermeisten Fällen übernehmen Frauen diese Arbeit, die Töchter etwa. Sie gehen in Teilzeit oder geben ihre Stelle ganz auf. Zwar gibt es auch hier kleinere Verbesserungen für pflegende Angehörige, aber es handelt sich doch um einen Weg in die Altersarmut. Gleichzeitig spricht die Regierung davon, dass die Familie der »größte Pflegedienst der Nation« sei – und bleiben solle.

Und die professionelle Versorgung wird darüber vernachlässigt? 

Im Grunde wird hier nahegelegt, dass ja jeder pflegen könne. Der Pflegeberuf wird so sehr unattraktiv gemacht. Ich frage mich dabei, wie wir den Pflegenotstand beseitigen sollen, wenn so mit dem Beruf umgegangen wird. Da merkt man, dass bei diesen Änderungen vieles vorne und hinten nicht passt. Immer wieder wird auch gesagt, die Pflege solle teilhabeorientiert sein. Doch Mittel für mehr Fachpersonal werden nicht bereitgestellt. Darüber will sich die Regierung erst 2020 Gedanken machen.

Interview: Johannes Supe, jW, 4.1.2017

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